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Vom Innovieren und Gründen geht in die zweite Runde!

„Tischlermeister war immer mein persönliches Ziel, nur so kann auch ein eigenes Unternehmen gegründet werden – auch wenn ich da Glück hatte und eines übernehmen durfte!“ startet Tim Brüggemann, Inhaber der Formfreund Holzmanufaktur in Steinhagen.

Die zweite Runde „Vom Innovieren und Gründen“ besuchte diesmal diesen jungen, innovativen Unternehmer, der im Livestream am 23.3.2022, vor 19 Teilnehmer:innen, seine Geschichte erzählte.

Zugegeben, ein wenig Glück spielte auch mit, jetzt da zu stehen, wo er ist. Sein ehemaliger Chef der Ausbildung habe ihn kontaktiert und gefragt ob er nicht den Betrieb übernehmen wolle, da war er gerade im Studium. Spätestens da war Tim klar, der Meister muss JETZT sein.

Während seines Design-Studiums in Münster machte er dann zusätzlich in der Abendschule seinen Tischlermeister. Wobei das Studium irgendwie nur noch schmückendes Beiwerk war, was er aber auf jeden Fall nutzen möchte: die Firma solle sich langfristig Richtung Möbelbau entwickeln.

Sein ehemaliger Ausbilder und er hatten immer schon eine Art Vater-Sohn-Verhältnis, Tim war zwar im ersten Moment überrascht über den Anruf und der Frage nach der Übernahme, aber bei einem zweiten Blick, war irgendwie doch deutlich, dass er dafür in Frage kam. „Natürlich habe ich erst mit meiner Familie gesprochen. Ein Unternehmen leitet man nicht eben so nebenher, vor allem nicht, wenn man es weiterentwickeln möchte. Das erfordert sehr viel Zeit. Aber meine Frau unterstützt mich immer noch in dem Vorhaben – und ohne, würde ich es auch nicht schaffen“, so der 30-Jährige Familienvater.

Motive für die Selbstständigkeit hatte er schon immer. Neben der Selbstverwirklichung, etwas zu tun, worauf er am Ende stolz ist, den Reiz einen eigenen Betrieb zu steuern und zu lenken kommt für ihn auch dazu, dass er jetzt nach jedem Auftrag bewerten kann was dabei herausgekommen ist – und ob sich diese Art des Auftrages für die Zukunft auch lohnt. „Auch wenn es anfangs natürlich komisch war, kein monatliches festes Gehalt überwiesen bekommen zu haben.“

Diesen optimalen Startschuss des eigenen Unternehmens wollte er auch ungern liegen lassen, es war ja schon alles aufgebaut: die Infrastruktur, die Maschinen, die Werkstätten, der Kundenstamm – und natürlich die Mitarbeiter:innen.

„Wir haben uns sehr viel Zeit für die Übernahme gelassen.“ Ganze fünf Jahre vergingen, bevor sie die Übergabe nach außen kommunizierten, was auf keinen Fall zu viel gewesen sei. Während dieser Zeit kam die Handwerkskammer, um das Unternehmen zu bewerten. Daraufhin musste Brüggemann einen Business-Plan erstellen, „allein schon um zur Bank zu gehen um ein vergünstigtes Darlehen zu bekommen“.

Auch die bereits angestellten Mitarbeiter:innen konnten mitgezogen werden. Für Tim ist klar: „Jede:r hat Kernkompetenzen, jede:r fühlt sich hoffentlich wertgeschätzt, jede:r hat seine / ihre Aufgaben und kann sein/ihr eigenes Projekt ausarbeiten“.

Inzwischen sind junge Leute dazu gekommen, der Altgeselle ist in Rente gegangen, sodass er mit einem jungen, frisch ausgelernten Team starten konnte: Das Durchschnittsalter liegt bei nur 25 Jahren und es sind drei Frauen angestellt. „Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst so ein junger Chef bin?“ mutmaßt Tim, „ich habe bisher auch keinerlei Probleme gehabt, Auszubildende zu finden oder Praktikant:innen anzunehmen. Oft sind es sogar zu viele Anfragen als offene Stellen“. Momentan sind es vier Auszubildende und im Jahr 2019 hatte er alleine 26 Praktikant:innen.

Wenn er von der Ausbildung in seiner Werkstatt erzählt, hören die Zuschauer:innen auch das Herzblut, mit dem er seinen Job ausübt und diese Leidenschaft auch gerne weitergeben möchte „Die Auszubildenden werden alle ins kalte Wasser geworfen und sollen direkt ein Möbelstück anfertigen. Natürlich sind die ersten Schränke grauenvoll, dafür lernen sie aus Fehlern und dadurch lernen sie sehr schnell. Fehler machen ist erlaubt. Wichtig ist, dass meine Auszubildenden Lust auf den Beruf Tischler haben und dies nicht nur machen, weil sie woanders nicht genommen wurden“. Das zeigt sich auch in der Übernahme nach der Ausbildung: Alle bleiben gerne und gehen in ein Angestelltenverhältnis über.

Mit der Übernahme einhergehend gab es auch einen neuen Namen: Formfreund Holzmanufaktur. „Alle Tischlereien hier im Umfeld heißen immer Tischlerei – Nachname, davon wollte ich mich absetzen. Formfreund soll irgendwann zur Marke werden“, träumt Tim. Auch hier zeigt sich wieder, dass er groß denkt und nicht zurückschreckt vor etwaigen Herausforderungen oder Innovationen. So hat Brüggemann mit seinem Team bereits an Innungswettbewerben teilgenommen und auch gewonnen, der Präsident der Handwerkskammer kommt als Praktikant zu Besuch und auch den Preis des Besten Start-Ups 2020 in OWL wurde gewonnen.
Was auch besonders ist: Der Kunde, die Kundin wird mitgenommen bei der Anfertigung der Aufträge. Es gibt während des Baus Fotos, oder sie können in die Werkstatt oder mit zum Sägewerk kommen, zudem wird vorab ein 3D-Aufriss erstellt.

„Manchmal fehlt mir die Wertschätzung gegenüber dem Handwerk, weil alle immer sofort ein Angebot und ein Produkt haben wollen. Aber komplexe Aufgaben brauchen Zeit!“

Ist er denn noch Handwerker oder inzwischen mehr Unternehmer?

„Ich bin Tischler geworden, weil ich gerne mit Holz arbeite; momentan bin ich aber tatsächlich mehr Unternehmer, zwangsläufig“ lacht Tim. Aber gleichzeitig ist er dem gar nicht so böse: Sein Projekt Formfreund ist so gut gewachsen, dass die Werkstatt inzwischen zu klein geworden ist und eine neue Tischlerei gebaut wird. Den Entwurf dazu haben seine Mitarbeiter:innen mitgestaltet. Auch das ist Teil von Brüggemanns Führungsstil: Mitbestimmung und Selbstorganisation werden vorausgesetzt und gefordert. Es nützte ihm nichts, wenn morgens um sieben Uhr seine Mitarbeiter:innen vor Ort sein sollen, obwohl sie erst ab neun Uhr wirklich anfangen zu arbeiten. Deswegen sollen sie klar kommunizieren, wann für sie die geeignete Arbeitszeit ist – und so lange sie ihre Arbeiten erledigt bekommen und ihre Stunden machen, sei es relativ egal, wie früh oder spät sie anfingen. „Ich hoffe, dass die Zufriedenheit der Mitarbeiter:innen dadurch gesteigert wird und sie gerne hierher kommen“, schmunzelt der Inhaber.

Stillstehen wird es hier wahrscheinlich so bald nicht. Was Tim allen Unternehmensnachfolger:innen oder Gründer:innen mitgeben möchte? „Selbstständigkeit durchziehen, einen klaren Plan und einen Businessplan haben. Es gibt kein es geht nicht! Einfach machen und Herausforderungen lösen.“

Wir danken der Formfreund Holzmanufaktur, dass wir den betrieblichen Ablauf ein wenig stören durften und für den wirklich spannenden Input!

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